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Menschen zu fotografieren ist eine der größten und interessantesten Herausforderungen in der Fotografie. Vier wichtige Punkte gilt es zu beachten: Zum einen müssen wir die Kameratechnik beherrschen, denn wenn wir ständig einen Kontrollblick auf das Display werfen müssten, zerreißen wir das Band, das zwischen uns und der Person entsteht. Zum zweiten müssen wir die Bildgestaltung im Griff haben. Perspektive, Vordergrund und Hintergrund, Bildwirkung, Farbkontrast - das alles darf uns Fotografinnen und Fotografen vor keine Rätsel stellen. Drittens suchen wir in der Porträtfotografie jene seltenen und kurzen Momente im Ausdruck der Person, wo alles passt und wir hinter die Oberfläche sehen können. Und nicht zuletzt sollten wir eine Tasse guten Kaffees genießen. Das mach ich jetzt auch ...

Ich durfte vor einigen Tagen Kerstin fotografieren, unsere Managerin am Wolfsforschungszentrum. Kerstin wählte an diesem Tag unbewusst eine Camouflage-Jacke, mit der sie sich wohl fühlt. Schüchtern ist unsere Mangerin in keiner Weise, sie hat es faustdick hinter den Ohren und verstecken braucht sie sich auch nicht. Kerstin ist sportlich und aktiv und sehr natürlich. Nach einigen herrlichen Fotos mit ihren entzückenden Hundedamen bot sich die Gelegenheit, ein Stück in den Wald zu gehen.

Kerstins Jacke verschwand förmlich im zauberhaften Lichtspiel der warmen Sonnenflecken und ihr Haar leuchtete beinahe übertrieben golden. Ihr entwaffnendes Lächeln tat ein Übriges und es war mir schon beim Fotografieren kaum möglich, mich ihren Augen zu entziehen. Aus diesen Gründen wollte ich etwas versuchen, das in den meisten anderen Fällen zur blanken Katastrophe führen würde: Ich umrahmte Kerstin mit dem chaotischen Dickicht des sonnendurchfluteten Waldes und ließ zarte Sonnenflecken auf ihrem Gesicht spielen. Das Haar ließen wir wild fallen, denn ein Glamour-Foto hätte weder zur natürlichen und selbstbewussten Kerstin gepasst, noch zur Geschichte des Bildes.

Um Kerstin nicht in einem Chaos von Sonnenflecken untergehen zu lassen, ging ich sehr behutsam vor. Die Blende war völlig geöffnet, die Schärfenebene liegt natürlich auf ihren Augen (am Unterlid in diesem Fall, da Kerstin ein wenig den Kopf senkt). Das Nikkor 1,4/105mm kann hier seine extreme Schärfe ausspielen und lässt Kerstins schöne Augen in höchstem Kontrast leuchten. Die Schärfe hebt sich regelrecht aus der Unschärfe des übrigen Bildes und da die Farben Ton-in-Ton gehalten sind, fügt sich alles harmonisch zusammen. Kerstins Blick zieht uns magisch an und die "nicht kommunizierenden Elemente" reißen uns nun nicht aus dem Bild heraus, sondern unterstützen den wilden Eindruck.

Das Nachbearbeiten ist hier ein Kinderspiel, da alles passt. Junge und attraktive Menschen zu fotografieren, kann man sich einfach machen - oder auch mal etwas wagen. Ein solches "Wagnis" ist oft nicht auf den ersten Blick zu erkennen, aber versucht es mal.

Rooobert Bayer - Bildender Künstler